Ein gesellschaftlich geächtetes Produkt trifft auf alle Tugenden unserer Zeit: Nachhaltigkeit, Regionalität, Transparenz, Handwerk, Individualisierung, Zero Waste.
Genau darin lag die Idee von Tabak Unverpackt.
Ein Laden, in dem Tabak nicht mehr als Marke, sondern als Pflanze verstanden wird. Der Kunde stellt seinen eigenen Blend zusammen, schneidet ihn selbst, bringt seine Verpackung mit. Der Prozess wird sichtbar. Die Verantwortung bleibt beim Einzelnen. Der Kauf wird entmoralisiert – aber nicht verharmlost.
Es war ein Versuch, dem Rauchen seine Inszenierung zu nehmen, ohne es zu verbergen. Eine Ästhetik jenseits des Marketings, jenseits der Schockbilder, jenseits der Verdrängung. Der Tabak als Naturprodukt, nicht als Versprechen. Ohne Werbelüge, aber auch ohne pädagogischen Zeigefinger.
Was das Konzept besonders machte, war auch sein Verhältnis zur Steuerlogik. Tabak wird in Deutschland umso höher besteuert, je feiner er geschnitten ist. In diesem Modell bedeutet das: Der Kunde kauft den Tabak grob – unversteuert – und übernimmt das Schneiden selbst, nach dem Kauf. Die Besteuerung trifft nicht das Produkt, sondern die industrielle Vorverarbeitung.
Ein stiller Umweg. Vollkommen legal. Und sehr präzise.
Hinzu kam der historische Moment: Während ich dieses Konzept entwickelte, begann die Branche, sich vom klassischen Rauchen abzuwenden. Die Tabakindustrie selbst erfand sich gerade neu – als Anbieterin nikotinhaltiger Technik. E-Zigaretten, Verdampfer, Systeme. Das Rauchen, das jahrhundertelang kollektiv ritualisiert war, wurde plötzlich als veraltet und gefährlich gebrandmarkt – von denen, die es einst selbst zum Massenprodukt gemacht hatten.
Tabak Unverpackt war also nicht nur ein Ladenkonzept, sondern auch eine Gegenbewegung. Kein Comeback der Zigarette, sondern eine Umdeutung des Materials – gegen das System, mit seinen eigenen Mitteln.
Die Reaktion der Industrie war eindeutig. Das Interesse war groß. Zum ersten Mal lag eine Idee auf dem Tisch, wie man Tabak neu denken und verkaufen könnte – ohne Rückgriff auf alte Narrative. Aber ich wollte keinen Laden eröffnen. Und ich wollte auch nicht, dass jemand anderes dieses Konzept so weit biegt, bis nichts davon übrigbleibt.
Am Ende blieb es ein Entwurf. Aber einer, der etwas sichtbar gemacht hat: Dass Moral und Ästhetik verhandelbar sind. Und dass es manchmal reicht, eine Zumutung zu gestalten, um den Zustand der Dinge offenzulegen.