Lingua Britannica

 

Wir sind in einem Prozess, dessen Urheber wir nicht kennen, dessen Instanzen sich uns nur schemenhaft zeigen und dessen Ergebnis offen ist. Wir wissen, dass dieser Prozess uns nur helfen will, dass er unsere Eigeninitiative stärken und unsere Arbeitsleistungen nur noch stichprobenhaft überwachen will. Der Prozess vertraut darauf, dass wir selbst wissen, was unsere Ziele sind und wie wir sie erreichen. (Christoph Bartmann)

 

Die Lüge wird zur Weltordnung. (Der Prozess)

 

 

 

 

Jahr: 2017

Titel: Antragsschreiber TX-1

Kontext: Skulptur und mediale Inszenierung als künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema der Förderkultur und der damit verbundenen Benutzung von Floskeln, Worthülsen und Trendwörtern.

 

Aus dieser Auseinandersetzung entstand eine Forschungsarbeit mit dem Titel: Strukturelle Defizite in der Kunstförderung und Gedanken zur digitalen Zukunft der Künstlerförderung.

 

Nachfolgend die Zusammenfassung der Forschungsarbeit:

 

 

Ich habe in meinen Ausführungen darzulegen versucht, wo in der Kunstförderung immanente Fehler liegen, die mich schlussendlich zu dem Urteil führen, dass das System der Kunstförderung, wie wir es heute in Deutschland praktizieren, mehr schlecht als recht ist. Die Kritik richtet sich weniger an einzelne Akteure und Instrumente, sondern gegen die Strukturen des Fördersystems. Im ersten Kapitel ging es um die Unmöglichkeit der Beurteilung von Kunst durch Förderinstitutionen. Dies führt unter anderem ( 2.Kapitel ) zum Aufbau von ineffizienten bürokratischen Strukturen, welche versuchen durch Wirkungs- und Nutzungsdenken ( 3.Kapitel ) die Kunst in verwertbare Strukturen zu pressen. „Aus einer zukünftigen Perspektive wird man die 200 Jahre der entfesselten Moderne vielleicht als eine Phase betrachten, in der jene ästhetischen Verfahren und Strategien freigesetzt wurden, die in der Nachmoderne einer effizienzorientierten Nutzung zugeführt werden konnte. [...] Entscheidend ist nun weder ihr Wahrheitsgehalt noch ihre ästhetische Sprengkraft, sondern ihre ökonomische und politische Umwegrentabilität.“ (Liessmann & Schlee, 2014, S. 21). Im 4. Kapitel ging es schlussendlich um die Folgen der Kunstförderung im Zusammenhang mit Selbstdarstellung und Moral.

 

Der erste Teil der Arbeit, beleuchtet Problemstellungen des heutigen Fördersystems und gibt zugleich Kriterien für ein zukünftiges Fördersystem vor. Ziel ist es eine Maximierung von Kunstautonomie und Freiheit zu erreichen. Dies wird am effizientesten erreicht durch die Trennung von Kunstdiskurs und Förderentscheidung. Damit einhergehend wird der bürokratische Verwaltungsaufwand minimiert. Bullshitting, Selbstdarstellung, Moral werden der Vergangenheit angehören. Die momentanen weltweiten gesellschaftliche Entwicklungen lassen ohnehin den Schluss zu, dass die ganzen Sinn- und Nutzenbegründungen in der Kunst und Kultur reichlich wenig gesellschaftliche Auswirkungen haben.

 

Um die genannten Ziele zu erreichen, sollte das Kunstfördersystem radikal umgebaut werden. Sinnvoll wäre die totale Digitalisierung und Vereinfachung der Förderentscheidungen. Hauptkriterium wäre: Künstler oder kein Künstler? Ein Algorithmus, basierend auf Big Data könnte dies in Zukunft entscheiden. Wird ein Mensch als Künstler erkannt, wird er gefördert. Der Grundgedanke dabei ist, das jeder Künstler eine Förderung verdient, egal welche Position oder Qualität er vertritt.

 

Im letzten Abschnitt der Arbeit wird der Frage nachgegangen, ob ein Algorithmus überhaupt in der Lage wäre einen Künstler zu erkennen? Dazu muss klargestellt werden, dass es nicht um die Bewertung von Kunst geht. Da schon der Mensch nicht weiß, was Kunst ist, sollte man sich nicht zu dem Malheur hinreißen lassen, mit Hilfe von Technik Kunst bestimmen zu wollen. Dies ginge mit Sicherheit schief und würde der Kunst nicht gerecht. Die Frage, wer in der Gesellschaft ein Künstler ist, wird schon heute mit wenigen zweifelhaften Daten ermittelt und scheint deutlich einfacher zu sein. Die Künstlersozialkasse macht im Grunde nichts anders als zu schauen, ob das Muster des “gesellschaftlichen” Künstlers passt. Macht er Kunst, verdient er Geld mit Kunst, wird die Person anerkannt als Künstler. (Ausstellungen, Preise, Stipendien, Ausbildung und Studium) Grundlage dieser Daten sind nicht die Qualität von Kunstwerken. Da immer mehr Daten digital zur Verfügung stehen, kann diese Aufgabe auch von Algorithmen vorgenommen werden. Nun kann zu Recht in Betracht gezogen werden, dass in Zukunft nicht nur rudimentäre Daten abrufbar sind, sondern der Künstler auch freiwillig große Mengen an privaten Daten liefert. Allein Orts- und Bewegungsdaten können hier wichtige Hinweise liefern. Wie oft bewegt sich die Person in als kulturrelevant definierten Räumen und welche anderen Künstler werden getroffen? Die Datenanalyse der Zukunft könnte hier Erstaunliches leisten, auch wenn für die meisten Künstler das Ganze nach einer Überwachungs-Dystopie klingt. Mit dieser Überwachung könnte aber eine große Freiheit einhergehen. Der Künstler bekäme eine bedingungslose Förderung, egal, was er macht und wie er es begründet. Es wären keine Anträge mehr von Nöten, keine Abrechnungen und keine Evaluationen. Es gäbe keine Förderinstitution und keine Verwalter mehr.

 

Im Entwurf dieser zentralisierten und vollautomatischen Förderinstitution sind verschiedene Grundannahmen vorhanden, die noch kurz erwähnt werden müssen. Das heutige Fördersystem beruht auf einer ökonomischen Perspektive, die versucht den Nutzen durch Analyse und Evaluation zu maximieren. Es gibt grundsätzlich knappe Mittel und diese müssen durch Konkurrenz verteilt werden.

 

Der Entwurf meiner Förderinstitution wechselt die Perspektive und die Grundannahme. Es wird zuerst davon ausgegangen, dass alles, was ein Künstler macht, sinnvoll und nützlich ist. Es braucht keine Evaluation aber doch einen Kunstdiskurs, welcher aber nicht an die Förderung gekoppelt ist. Dahinter steht der Gedanke von Bedingungslosigkeit durch Freiheit und Gleichheit (Philosophie und Politik, 2017) Dieser zeigt sich heute am stärksten in der Forderung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Gerade die Vorreiter der Digitalisierung aus dem Silicon Valley fordern hier eine neue Denkweise. (Lobe, 2016) Bei zunehmender Automatisierung und Digitalisierung wird eine Vollbeschäftigung immer schwieriger. Wer aber kein Einkommen besitzt, kann auch nicht mehr konsumieren. Die Lösung wäre Geld bedingungslos zu verteilen, so dass der Konsum selbst zur Leistung wird. Dies offenbart, was eh schon immer mehr zum Vorschein kommt. Die Natur mag für uns aus knappen Mitteln bestehen, das Geld welches die Zentralbanken kontinuierlich schaffen aber augenscheinlich nicht. Wenn Konsum selbst zur Leistung wird, kann “Kunstmachen” dann nicht auch selbst zur Leistung werden?

 

Der radikale Entwurf dieses digitalen Fördersystems bleibt eine Utopie, da sich der überwiegende Teil des Kultur-Proletariats mit nichts anderem beschäftigt als die vermeintlich knappen Mittel zu verteilen und sich dabei genüsslich von genau diesen Mitteln ernährt. Es lebt sich schön im Speck und da verwundert es nicht, wie kritikfrei die meisten Künstler dem Fördersystem gegenübertreten. Man soll schön querdenken, kritisch hinterfragen und auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen, aber ja nicht den eigenen Rahmen betrachten. Stattdessen sind die meisten Kulturschaffenden damit beschäftigt, sich in komplizierten Verfahren gegenseitig zu beweisen, wie sinnvoll und qualitativ wertvoll das Fördergeld gerade ausgegeben wurde. Eine Vereinfachung und digitalisierte Förderlandschaft könnte hier mal ein neuer Kunst fördernder Ansatz sein.

 

 

Jahr: 2017

Titel: Strukturelle Defizite in der Kunstförderung und Gedanken zur digitalen Zukunft der Künstlerförderung.

Kontext: Forschungsarbeit Master Kultur + Management